Altai und Wolgograd 2014 – ein Reisebericht von Thomas Ranft

Auch in diesem Sommer führte mich mein Weg wieder ins Herz Asiens, ins russische Altai-
Gebirge, mit 3000 km Ozean-Entfernung der „kontinentalste“ Ort der Erde. Auf dem
Rückweg machte ich noch einen Abstecher nach Wolgograd, das ehemalige Stalingrad –
dorthin, wo der Zweite Weltkrieg seinen Wendepunkt erlebte. Hier mein Bericht von einer
Reise voller grandioser Natureindrücke und spannender Begegnungen.

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image-22 Links: mein Gepäck vor dem Aufbruch von Zuhause

4 August

Ich fliege über Moskau nach Gorno-Altaisk, die Hauptstadt der Republik Altai und einzige
richtige Stadt dort überhaupt. In der Maschine der russischen Fluggesellschaft S7
durchblättere ich die Bordzeitschrift mit einer Fotoreportage über die Schönheiten der
Halbinsel Krim. Mit mir im Flugzeug befindet sich eine Gruppe von Schülern, die, wie sich
herausstellt, gerade dort Urlaub gemacht haben. Das größte Land der Erde ist ja seit einiger
Zeit bekanntlich noch ein wenig größer geworden, und um die Bevölkerung mit dem neu
hinzugekommenen – aus ihrer Sicht ja eigentlich alten – Landesteil wieder vertraut zu
machen, werden Gruppenreisen auf die Krim staatlich besonders gefördert.
Wie üblich schaue ich verträumt aus dem Fenster und wundere mich, dass wir uns schon im
Landeanflug befinden, aber weit und breit keine Berge zu sehen sind. „Aufgrund von
dichtem Nebel in Gorno-Altaisk werden wir in Novosibirsk landen“, kommt die Durchsage.
„Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie die Sitzlehnen senkrecht…“ Also verbringe ich erst
einmal drei Stunden auf dem Flughafen der größten Stadt Sibiriens, 450 km vom Zielort
entfernt, bevor wir wieder in das gleiche Flugzeug einsteigen und es in die Berge geht, wo
sich der Nebel inzwischen gelichtet hat.
In Gorno-Altaisk mache ich einige notwendige Besorgungen: eine Propangaskartusche
kaufen, meinen Lebensmittelvorrat mit einem Kilo Schokolade komplettieren und – ganz
wichtig – in der Kommandatur des FSB meinen vor zwei Monaten per Post beantragten
Própusk v pogranitshnuju zónu, die Genehmigung zum Betreten des Grenzgebietes zu
Kasachstan, abholen. Letzten Sommer hatte ich ihn nicht, wurde aufgegriffen und
zurückgeschickt. Diesmal habe ich vorgesorgt und bin optimistisch, mein Reiseziel zu
erreichen: Wandern am Fuß der Belucha, mit 4506 Metern höchster Berg des Altai und
1Sibiriens – 10 Tage ohne Kontakt zur Zivilisation mit allen überlebenswichtigen Dingen auf
dem Rücken.
Per Couchsurfing habe ich mir eine Bleibe organisiert und übernachte in Gorno-Altaisk bei
Andrej Teténov, ein sehr sympatischer, gastfreundlicher und aufmerksamer Herr, der mich
vor der Ankunft mehrfach anruft, und fragt, ob ich ja den Weg auch finde zu ihm. Sein
eingeschossiges, krummes und schiefes Haus aus dicken Holzbalken hat typisch russische
blau-weiße Fensterläden, ringsherum gibt es ein verwildertes Gartengrundstück mit
leckeren, riesengroßen Himbeeren. Die Toilette ist ein Loch in einem Schuppen außerhalb, in
der Wohnung herrscht eher Chaos – vielleicht deshalb, weil Andrej gerade erst eingezogen
ist, vielleicht, weil er alleinstehender Mathematikprofessor an der Staatlichen Gorno-
Altaisker Universität ist, Experte für fraktale Geometrie, und andere Dinge im Kopf hat als
aufzuräumen, vielleicht aber auch einfach deshalb, weil es Russland ist und sich eigentlich
das ganze Land in einem halbfertigen Stadium ständiger Improvisation eingerichtet hat. Ich
gebe mir Mühe, mich über die Diskrepanz zwischen seiner freundlichen, aufgeräumten
Persönlichkeit und der (wahrscheinlich nur für mich nicht zu durchschauenden) Unordnung
nicht zu wundern und lasse mir Tipps für meine Reise geben.

5 August

Mit einem Bus fahre ich von Gorno-Altaisk tief in die Berge hinein nach Tjungur, 10 Stunden
Fahrt für umgerechnet 33 Euro. Tjungur ist das letzte Dorf vor der überwältigenden,
menschenleeren Natur und Ausgangspunkt aller Wanderungen im Gebiet um die Belucha.
Über den Fluss Katun im Dorf führt eine mehrere hundert Meter lange Hängebrücke, eine
abenteuerliche Stahlseilkonstruktion mit quer aufgesetzen Holzbalken, über die in
Längsrichtung Bretter gelegt wurden – an vielen Stellen kann man durch Löcher auf das
reißende Wasser schauen, die sich mit jedem über die Brücke fahrenden Traktor ein wenig
zu vergrößern scheinen.

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Abends baue ich auf einer Wiese in Dorfnähe mein Zelt auf. Die erste Zeltnacht auf solch
einer Reise ist immer spannend – habe ich auch nichts vergessen? Heringe, Abspannleinen,
alles dabei? Ein Regenschauer gibt mir Gelegenheit, mich zu vergewissern, dass das
Außenzelt noch dicht ist. Nachts kommen mich Pferde besuchen und zupfen an der
Zeltwand, verschwinden aber sofort, als ich mit dem Löffel auf meinen Aluminiumtopf
schlage.

6 August

Am Morgen kaufe ich im Dorf einen halben Liter frische Kuhmilch, fettig und lecker, frisch
vom Euter – dann mache ich mich auf den Weg ins Akkemtal, das geradewegs auf die
Belucha zuführt. Etappenziel für die nächsten drei Tage ist der 42km entfernte Akkem-See.
Der Weg durch den Wald und über Wiesen ist gut erkennbar, spezielle Markierungen gibt es
keine, etwas Orientierung gibt auch meine Karte: Maßstab 1:200000, etwas Detaillierteres
habe ich vergebens gesucht. Nachdem die Milch ausgetrunken und Brot und Waffeln vom
Vortag aufgegessen sind, beginnt das Leben von meinen genau auf 10 Tage kalkulierten
Vorräten: Haferflocken, Milchpulver, Nüsse, Rosinen, Kartoffelpüree, Schnellkochreis und die
für Energie und Stimmung ganz wichtige Schokolade, jeden Tag eine Tafel. Sauberes Wasser
gibt es praktisch überall unterwegs. Ein paar Mal begegnen mir Altaier zu Pferde, das
Haupttransportmittel hier jenseits der Straße. Ich überquere die Kusujak-Scharte, erreiche
den Akkem-Fluss und baue nach etwa 14 km zurückgelegter Strecke mein Zelt unter einer
malerischen Gruppe alter Lärchen auf, aus denen die Wälder hier hauptsächlich bestehen.

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7 August

Nieselregen. Auf einem schlammigen, auf- und abführenden Waldweg geht es in einiger
Entfernung vom Akkem-Fluss aufwärts. Wenn man einen eher schmalen Rücken hat wie ich,
sind 25 Kilo Rucksackgewicht kein Vergnügen. Nach etwa 30 Minuten schmerzen mir die
Schultern, das Becken oder beides. Um trotzdem vorwärtszukommen, laufe ich mit der Uhr
in der Hand und zwinge mich, 45 Minuten durchzuhalten – dann gibt es 15 Minuten Pause.
Auf diese Weise schaffe ich heute weitere 14 km. Unterwegs mache ich Bekanntschaft mit
einer russischen geführten Wandergruppe, von denen sogar einer eine Gitarre im Gepäck
hat. In Ermangelung besserer Stellen zum Zelten übernachte ich direkt am schäumenden,
laut rauschenden Akkem-Fluss und muss deshalb mit Ohropax schlafen. Ringsum ist es
überall so nass, dass ich mit ernsten Sorgenfalten meinen klammen Daunenschlafsack
betaste. Wenn Daune feucht wird und klumpt, wärmt sie nicht mehr, und ein warmer
nächtlicher Schlafsack ist das Wichtigste auf so einer Tour überhaupt.

8 August

Der Charakter des Geländes ändert sich: der Weg geht über Geröll direkt am Fluss entlang,
der Wald wird lichter und erste sukkulente Bergpflanzen geben mir das Gefühl, irgendwie
„oben“ zu sein. Eine Gruppe sich auf dem Abstieg befindlicher Leute schenken mir ein halbesKilo Haferflocken. Ich nehme sie dankend an, schleppe sie ein Stück mit und lasse sie dann
doch liegen, mäusesicher eingepackt an einer bestimmten Stelle, für den Rückweg, wie ich
denke – wozu es dann nicht kommt, da mein Abstieg ein anderer sein wird.
Nach der heutigen dritten 14 km-Etappe und insgesamt einem reichlichen Höhenkilometer
Aufstieg erreiche ich am Nachmittag den Akkem-See. Erleichtert lasse ich meinen Rucksack
von den Schultern gleiten, atme tief durch und schaue mich um: anderthalb Kilometer lang
und einen halben Kilometer breit liegt das Wasser zu meine Füßen, links und rechts
umrahmt von sattgrünen Wiesen, sich noch ein wenig höher erstreckenden Lärchenwäldern
und malerischen, felsigen Bergen. Schaue ich nach vorn, läuft das Tal in der Ferne auf eine
gigantische weiße Wand zu, über der einige spitze Gipfel thronen – einer davon ist die
Belucha.

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Mein Blick fällt auf ein paar Hütten der Wetterstation, Pferde, die gerade bepackt werden –
viele Touristen lassen sich ihr Gepäck auf diese Weise umhertransportieren – und einige
Dutzend Zelte am Ufer. Es riecht nach Feuer, weißer Rauch steigt auf – wenn es Holz gibt,
macht man in Russland eigentlich immer Lagerfeuer und kocht auch darüber statt mit einem
Gasbrenner. Die Gegend um den Akkem-See, gilt als recht touristischer Ort, verglichen mit
den Alpen ist er fast menschenleer und vor allem unglaublich abgelegen – drei
Tagesmärsche zu Fuß, die sich nur mit dem Pferd abkürzen lassen oder, für den, der Geld
hat, auch mit dem Hubschrauber – einige Male während meines Aufstieges ratterte ein
Helikopter über das schmale Tal.
Abends mache ich noch einen kleinen Spaziergang am Ufer und werde von zwei jungen,
sonnenblumenkernkauenden, uniformierten Männern eingeholt, die mich fragen, ob ich
denn hier schon registriert sei? Nein, meine ich und hole Reisepass und einen kleinen grauen
DIN A5-Zettel – den Propusk – hervor, der meine Existenz hier gesetzlich absichert. Es beginnt
zu nieseln. Einer der Männer holt ein Buch heraus, trägt auf den Knien dort meine Daten ein
und gibt mir einen Stift. „Sie unterschreiben jetzt, dass Sie die Grenze der russischen
Föderation respektieren“, sagt er – der Regen wird stärker und es muss alles schnell gehen,
erste Tropfen beginnen den Propusk zu durchweichen – „die Grenze verläuft über die
Belucha.“ Ich werde schon keine Drogen über den Berg nach Kasachstan schmuggeln, sage
ich nicht, aber denke ich, unterschreibe und schaffe es gerade noch zurück in mein (zum
Glück schon aufgebautes) Zelt, bevor das Wasser vom Himmel sturzbachartig niederprasselt.

9 August

Mit Rückenschmerzen krieche ich morgens aus dem Zelt, leider hatte ich meinen
Übernachtungsplatz nur nach dem Kriterium „schöne Aussicht“ ausgewählt und die
Bodenunebenheiten völlig ignoriert. Heute gönne ich mir einen Ruhetag und verlege den
Zeltplatz nur vom nördlichen an das südliche Ende des Sees. Unterwegs komme ich an einer
Blockhütte des МЧС – des Bergrettungsdienstes – vorbei und lese ein Plakat mit einer
Statistik: 78 Gerettete, 24 Tote und 14 Verschwundene an der Belucha innerhalb von 6
Jahren.

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10 August

Der erste Tag ohne Wolken und Regen! Nach einer dunklen, gegen Morgen hin immer kälter
werdenden Nacht ist es am Morgen eine unglaubliche Freude, die Sonne über den
Bergrücken im Osten hervorbrechen zu sehen. Ich legte mich komplett einmal in den
eiskalten, flachen Akkem-Fluss hinein und sammelte Beeren, um mein Trockenmilch-
Haferflocken-Frühstück mit Vitaminen anzureichern: in großen Mengen gibt es die blauen
Beeren an den Sträuchern der Heckenkirsche (russ. Zhimolost‘), schwarze Johannesbeeren
(Smoródina) und Stachelbeeren (Kryzhóvnik), alle ziemlich sauer, aber lecker. Von einer
Gruppe kräutersammelnder Frauen lasse ich mir zum Aufbrühen als Tee den rotblühenden
Blutweiderich (Ivan-tshai) und den gelben Fingerstrauch (Kurilskij tshai) empfehlen.
Ich lasse mein Zelt stehen und unternehme mit leichtem Gepäck einen Tagesausflug
Richtung Talende, der Belucha entgegen. Über ein Geröllfeld kletternd, erhebe ich mich über
die Waldgrenze, die hier mit 2200m um einiges höher als in den Alpen liegt, und komme an
einer oberhalb des Akkem-Sees gebauten Holzkapelle vorbei mit typisch orthodoxem
Zwiebeltürmchen, die dem Andenken an alle an der Belucha umgekommenen Bergsteiger
gewidmet ist. Ein unglaublich schöner Ort, ein malerischer Gruß der Zivilisation vor der
schroffen geröllgrauen und gletscherweißen Bergwelt.

 

11 August

Wieder ein Tag mit strahlendem Sonnenschein. Ich will ihn nutzen und so weit wie möglich
an den Fuß der Belucha vordringen.
5Wieder lasse ich mein Zelt stehen, breche frühzeitig auf und gehe an der Kapelle vorbei auf
die Akkem-Wand zu. Mein Weg führt mich am schwarz klaffenden Mund des Akkem-
Gletschers vorbei, aus dem sich dröhnend die Wassermassen des gleichnamigen Flusses
ergießen, und über das Geröllfeld links vom Gletscher, auf dem einfach entlang zu laufen ich
mich nicht traue. Nach einigen Stunden führt die Moräne steil nach oben, ich muss über
manche Eisfelder gehen und werfe einige Blicke in gespenstisch tiefe, bläulich schimmernde
Spalten hinein, aus deren Tiefen dumpfes, gluckerndes Gurgeln dringt. Ein Stein, den ich
hineinwerfe, scheint erst nach einigen Sekunden unten anzukommen.
Gegen Mittag, nach viereinhalb Stunden, erreiche ich die Tómskie stojánki, eine Holzhütte
mit ebenen Flächen daneben zum Zelten im Geröllfeld auf etwa 3000 Metern Höhe, letzte
Zufluchtsmöglichkeit für Alpinisten auf dem Weg zum Gipfel, benannt nach zwei Brüdern aus
der Stadt Tomsk, denen vor genau 100 Jahren – 1914 – die Erstbesteigung der Belucha
gelang. Der Blick auf die praktisch senkrecht vor mir abfallende schneebedeckte Akkem-
Wand vor mir blendet und ist nur mit Gletscherbrille länger auszuhalten. Wenn ich den Kopf
in den Nacken lege, sehe ich die Spitze der Belucha – für mich (diesmal) unerreichbar, denn
weiter über den Gletscher geht es nur angeseilt in der Gruppe mit erfahrenem Führer.
Unterwegs mache ich Bekanntschaft mit einer Gruppe jüngerer Leute aus Moskau, die hier
drei Tage in der majestätischen Bergwelt mit Meditation und anderen geistigen Übungen
verbringen, interessante Menschen, einige davon Mitglieder der Theosophischen
Gesellschaft. Sie sind gerade auf dem Abstieg und laden mich zum Abendessen an ihren
Lagerplatz ein, unweit von meinem Zelt.

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12 August
Mit Aram, Mascha, Andrej, Leo, Nadja, Pavel und Kirill – soweit die Namen, die mir noch
einfallen – mache ich einen Tagesausflug ein paar hundert Höhenmeter aufwärts über die
Waldgrenze hinaus zum Ózero dúchov, dem See der Geister. Es ist der dritte Sonnentag in
Folge. Einige springen nach Ankunft sofort in den glasklaren blauen See mit einer
Temperatur von knapp über null Grad. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich dagegen, da
ich fürchte, hinterher nicht richtig wieder warm zu werden. Die Gruppe bleibt dort, ich kehre
in mein Zelt zurück und treffe auf dem Rückweg einen alten, bärtigen Mann, der sich als
Anhänger des Forschers, Philosophen und Esoterikers Nicolas Roerich herausstellt, der in
den 20er Jahren im Altai unterwegs war. Hier an der Belucha kann man allerlei wunderliche,
ungewöhnliche Leute treffen; der Berg mit seiner besonderen geografischen Lage zieht viele
6spirituell und religiös suchende Menschen an. Zufällig sind auch zwei junge Israelis da, für die
ich die russischen Erzählungen des Mannes versuche ins Englische zu übersetzen. Nach einer
Weile fängt er an, wüstes judenfeindliche Zeug von sich zu geben. Ich übersetze den Israelis
genau das Gegenteil und wir verabschieden uns freundlich. Antisemitismus trifft man leider
in Russland wesentlich häufiger als in Deutschland.

13 August
Tag acht von zehn – die Lebensmittelvorräte beginnen zur Neige zu gehen, langsamer als
erwartet, da mich immer wieder nette Leute einladen, dennoch wird es Zeit für den
Rückweg ins drei Tagesmärsche entfernte Dorf. Ich entscheide mich für den Weg über den
Pjerevál Karatjurék (K.-Scharte) ins westliche Nachbartal und dort am Fluss Kutscherlá
entlang. Der vierstündige Aufstieg auf den 3060 Meter hohen Grat ist sehr ermüdend, auch
wenn es am Anfang noch Gelegenheit gibt, unterwegs Sauerampfer zu naschen; angestrengt
und langsam, alle 20 Schritte eine Pause einlegend, krieche ich die trostlose, graue
Geröllwüste hoch und werde immer wieder von Leuten auf Pferden überholt. Dafür belohnt
mich oben der grandiose Blick auf das Belucha-Massiv und das Gefühl, den höchsten Punkt
meiner Wanderung erreicht zu haben. Eine deutschsprachige Trekkinggruppe lädt mich zum
Picknick ein und bewirtet mich mit einer frischen (per Pferd hinaufgekommenen) Orange –
ein göttlicher Genuss nach einer Woche ohne frisches Obst.

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Interessanterweise haben die meisten Berge hier keine Namen, dafür sind die Scharten, also
die Übergänge auf den Graten zwischen zwei Gipfeln, benannt. Kein Vergleich mit den Alpen
also, wo auf jedem Gipfel ein solides Holzkreuz thront und auf der viermal genaueren
Wanderkarte der Name des Berges steht.
Nach Überquerung der Karatjurek-Scharte entscheide ich mich dafür, nicht zum Kutscherla-
See abzusteigen, sondern, in großer Höhe verbleibend, am kahlen Hang entlang Richtung
Norden weiterzugehen. Das Zelt baue ich auf einer Hochebene etwa bei 2700 Metern auf –
der höchstgelegenste Zeltplatz meiner Tour. Zum Abendessen gibt es Kartoffelpüree mit
frischgepflücktem Lauch.

14 August
Das Laufen oberhalb der Baumgrenze finde ich eine der schönsten Beschäftigungen in der
Natur überhaupt. Nach einer Weile werden Sonne und Wind allerdings anstrengend. Ich
folge dem von Pferden gut ausgetrampelten Pfad und empfinde es als großen Genuss,wieder in einen Geborgenheit vermittelnden, malerischen Wald abzusteigen – vorher
allerdings komme ich an einigen Stellen mit spektakulären schieferigen Felsen vorbei, die
fast senkrecht zur Ablagerungsrichtung aus der Erde spießen und mir willkommenen Anlass
für Pausen bieten, in denen ich Fisherman‘s Friend-Pastillen lutsche und Reisetagebuch
schreibe.
Das Zelt steht unter einigen knorrigen Lärchen und es ist so warm, dass ich mein Abendessen
nicht wie üblich im Vorzelt, sondern draußen zubereiten kann. Ich schüttle meine
Propangaskartusche und bin zufrieden mit dem Geräusch: da ich das Essen meist vorher
einweiche und dann nur einmal kurz aufkoche, ist noch viel Brennstoff übrig. Warmes Essen
und warmer Tee – das ist neben einem gemütlichen Schlafsack der zweitwichtigste
Wohlfühl-Faktor einer längeren Gebirgswanderung.

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15 August
Die letzten Kilometer laufe ich entlang des Kutscherla-Flusses. Mit brennenden Fußsohlen
und schmerzenden Schultern komme ich am Nachmittag im Dorf Kutscherla unweit von
Tjungur an – die Zivilisation hat mich wieder, zehn autonome Tage in den Bergen sind
zuende, mein Gepäck auf 20 Kilo (nämlich um 5 kg Lebensmittel) geschrumpft, dafür mein
Zeichenblock um einige Skizzen und ich um viele Eindrücke reicher. Ich verspüre gigantischen
Appetit auf frische Milch und frage einen jungen Mann in Kutscherla vor seiner Hütte, ob er
mir welche verkauft. Er wankt ins Haus, kommt mit einer Gitarre wieder heraus, fragt mit
lallender Stimme, wo ich herkomme und ob ich nicht mit ihm Lieder singen wolle. – Drei
Häuse weiter bekomme ich, was ich will, und, da die 100 Rubel, die ich gebe, offensichtlich
zuviel sind, noch ein paar frische Gurken dazu.
16 August
Per Anhalter fahre ich nach Ust-Koksa und besuche dort auf dem Dorf meine Bekannten vom
letzten Sommer, Sergej und Alla, und wurde herzlichst aufgenommen – und zwar ohne dass
ich mich vorher angemeldet hätte. Das so etwas funktioniert, liebe ich an Russland! Die
beiden sind um die 50 Jahre alt und vor 7 Jahren aus Magnitogorsk im Ural hierher gezogen,
„weil wir nicht in einer Stadt alt werden wollten, die zur Hälfte aus Industrie besteht“, wie
Alla sagt. Im Garten bei den beiden stehen 5 Bienenvölker und Sergej erntet mit mir Honig:
mit einem Rauchgerät erzeuge ich Dampf, um die Bienen vom Stechen abzuhalten, während
Sergej die honiggefüllten Waben aus den Kästen zieht. Obwohl ich zusätzlich noch
Schutzkleidung trage, fühlt es sich schon etwas seltsam an, inmitten eines wildgewordenen
Bienenvolkes zu stehen.
Abends dann kommt der Moment, auf den ich mich bei jeder Russlandreise aufs Neue
freue – Sergej heizt die Banja und ich kann mich einer russisch-rustikalen Komplettreinigung
unterziehen.

17 August
Für Alla ernte ich einen Eimer Sanddorn im Garten und werde von einigen Bienen zielstrebig
angeflogen und gestochen, die sich anscheinend noch von gestern an mich erinnern. Wieder
einmal bin ich fasziniert davon, wie anders doch hier das Leben ist als alles, was ich aus
Deutschland kenne – die Leute sind auf eine schwer zu begreifende Weise chaotisch,
unorganisiert und irrational in ihrem Handeln, aber ihre Spontanität ermöglicht auch eine
Offenheit, Direktheit und Wärme, die ich sehr schätze.

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Bis in die Nacht hinein schleudern Alla und Sergej in der Küche Honig, was mich, der ich im
Nachbarzimmer auf dem Boden meinen Schlafplatz habe, ziemlich stört – denn Türen gibt es
natürlich keine; diese Form der Abgrenzung braucht man hier in den Wohnungen nicht.
Unter der Leitung der Künstlerin Lilia Aleksandrowna Pedak wird einige Straßen weiter
gerade ein Ausstellungshaus gebaut, ein Projekt, zu dem Freiwillige von überallher herzlich
willkommen sind. Wer gerne für eine Zeit gegen Kost und Logis inmitten des Altai tätig sein
möchte, kann sich gern an mich zur Herstellung des Kontaktes wenden.

18 August
Mit einem Blick in den Kalender stelle ich erfreut fest, dass ich vor meiner Rückkehr nach
Gorno-Altaisk noch einen Tag übrig habe. Ich nutze ihn und fahre mit der Marschrutka
entlang des Tschuiski trakt quer durch den Altai Richtung Mongolei. An der Haltestelle
mache ich Bekanntschaft mit Jevgenij, Philosophie-Dozent an der Universität Tomsk, der ein
etwas stockendes, aber sehr korrektes und kultiviertes Deutsch spricht und schon oft im
Elbsandsteingebirge unterwegs war. Nach einem halben Tag bin ich im Ort Kurai angelangt,
steige aus und staune über die Verwandlung der Landschaft: aus den sattgrünen Hängen ist
gelblich-braune Steppe geworden, der Blick geht bis zum Horizont auf nackte Berge, im
Süden leuchtet eine Kette vergletscherter Dreitausender. Hier in der Kurai-Steppe, auf einem
Hügel hinter dem Dorf, baue ich zum letzten Mal mein Zelt auf. Alle Viertelstunde kommt einAuto den Tschuja-Trakt entlang, gelegentlich ratschen große, plump umherspringende
Grillen, ansonsten herrscht Totenstille bis zum Horizont. Großartig.

19 August
Vorbei an einer Art Mülldeponie und -verbrennungsanlage unter offenem Himmel begebe
ich mich zurück zum Tschujatrakt. Der Altai ist sonst für russische Verhältnisse
außergewöhnlich sauber, hier jedoch weht der Wind Plastikflaschen und –tüten quer durch
die Steppe, ein bedauerlicher Anblick. Beim Wasserholen am Ortsrand mache ich
Bekanntschaft mit einem älteren Altaier. „Oh, Deutschland!“, ruft er aus, nennt sofort die
Namen von einem halben Dutzend ostdeutscher Städte, die er kennt und erzählt, dass er als
sowjetischer Offizier hier gedient hat.

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Nach halbstündigem Warten in der grellen Vormittagssonne hält ein recht moderner Honda
mit drei jungen Leuten und der Fahrer erklärt sich bereit, mich bis Gorno-Altaisk
mitzunehmen. Freudig steige ich ein, bedeutet das doch, dass ich den Weg nicht stückeln
muss und so vielleicht schon am frühen Abend ankomme. Es stellt sich heraus, dass die vier
Altaier aus dem Ort Beltir kommen, dem noch ein Stück Richtung Mongolei gelegenen
Epizentrum eines heftigen Erdbebens im Jahre 2003. Der Fahrer fährt für meine Begriffe wie
ein Selbstmörder und so schaffen wir die 420 Kilometer bis Gorno-Altaisk auf der
kurvenreich sich auf und ab windenden Straße in sagenhaften reichlich 4 Stunden. Der
Tschujatrakt ist als einzige richtige Straße der Region gut asphaltiert und praktisch
schlaglochfrei, so dass man unter großzügiger Ausnutzung beider Fahrspuren und dem
Ignorieren der zahlreichen nach europäischem Vorbild aufgestellten Geschwindigkeitsbegrenzungs- und Überholverbotszeichen wunderbar rasen kann.
Gelegentlich – wenn das Anti-Radar-System piept – gibt es eine abrupte Bremsung; den
vorne vorhandenen Gurt hat der Fahrer aufgespannt, aber hinter seinem Rücken verlaufen,
und nur an manchen Stellen, wenn Polizei vermutet wurde, legt er sich ihn vor die Brust.
Diese Art des Umgangs mit vorhandenen Gurten ist mir eines der tiefsten Rätsel der
russischen Psyche – es ist, wie als würde der Fahrer durch das Anlegen des Gurtes
eingestehen, er sei inkompetent und könne nicht richtig Auto fahren und als Passagier ist es
dann natürlich auch eine Beleidigung, nach dem Gurt zu fragen.
Wenn man nicht von vorneherein klar sagt, dass man kein Geld hat, wird in Russland von
Trampern in der Regel auch Geld erwartet. Ich bezahle den der Strecke entsprechenden
Buspreis (umgerechnet 20 Euro).

20 August
In Gorno-Altaisk besuche ich das riesige, von Gazprom gesponserte Heimatkundemuseum,
gehe zum Friseur (was ich fast immer nur in Russland mache, weshalb man an meiner
Haarlänge ablesen kann, wie lange der letzte Aufenthalt dort her ist) und sortiere meine
Reiseerinnerungen.
Wieder übernachte ich bei Andrej und stelle ihm die Frage, ob die Menschen in Russland
denn jetzt besser leben als in den 80er Jahren? Nicht unbedingt, ist die Antwort: die
Menschen waren in der Sowjetunion viel besser abgesichert, hielten mehr zusammen, der
Unterschied zwischen Arm und Reich war kleiner, als künstlerisch tätiger Mensch hatte man
viel mehr Freiraum. Nach Stalin habe allerdings ein ziemlicher Verfall der Bildung eingesetzt,
der bis heute andauere… Wie bitte, horche ich auf, was war unter Stalin? Er hat ein
hervorragendes Bildungssystem geschaffen, sagt Andrej und übrigens auch Ende der
dreißiger Jahre viele Kirchen wiederaufbauen lassen, ein großer Staatsmann. Ich traue
meinen Ohren kaum. Erschießungen, GULAG? Das würde erstens alles übertrieben und
zweitens könne man nicht alles Stalin persönlich in die Schuhe schieben. – Auch unter
intelligenten Menschen in Russland sind seltsame Ansichten verbreitet, denke ich und
wechsle das Gesprächsthema.

21 August
Um 5 Uhr morgens verabschiede ich mich von Andrej und begebe mich zum Flughafen, wo
ich mit einem der drei am heutigen Tage startenden Flugzeuge nach Moskau fliege.
In der russischen Hauptstadt fahre ich zum Paveletsker Bahnhof, begebe mich mit meinem
schon in Deutschland gebuchten und ausgedruckten Online-Ticket zum Zug und fahre (wie
üblich im Plazkartnij wagon, einem offenen Großraumwagen) zum letzten Ort meiner Reise:
in das nur 19 Fahrtstunden Richtung Südosten entferne Wolgograd, dem 1961
umbenannten, ehemaligen Stalingrad, wo sich im Winter 1942/43 das Schicksal
Hitlerdeutschlands entschied.

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22 August
In Wolgograd begebe mich zu den Orten, an denen an die Geschichte erinnert wird: zum
Gedenkkomplex auf dem Mamajev-Hügel mit der 85 Meter hohen Statue „Mutter Heimat
ruft“ – sicher einer der pathetischsten und gigantomanischsten Denkmäler Russlands – und
in das Panorama-Museum zur Schlacht von Stalingrad, neben welchem ich
11überraschenderweise auch ein kleines Denkmal aufspüre mit der Aufschrift: Den Opfern
politischer Repressionen 1923-1956.
Auf der „Allee der Helden“ sehe ich auf einer Bank einen alten Mann in schmuddeligem
Anzug sitzen mit einer Vielzahl von Orden auf der Brust. Ich setze mich neben ihn, und wie
ich gehofft hatte, sucht er auch gleich das Gespräch mit mir. Ich studiere seine drei Reihen
von Medaillen – „Für den Sieg über Japan“, „Frontkämpfer 1941-1945“ und andere –
während er redet, allerdings nicht vom Krieg, sondern vom Baikalsee, wo er wohl danach
stationiert war. Er spricht undeutlich, ich erfahre sein Alter: Jahrgang 1927, aus seinen
Augen spricht eine eigenartige Mischung aus Härte und Güte. Wo ich herkomme, fragt er nicht.

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Auch in Wolgograd habe ich per Couchsurfing eine Übernachtung bei einem netten
Menschen gefunden: Evgenii ist ein paar Jahre jünger als ich, arbeitet als
Beleuchtungstechniker am Theater, ist schon zweimal geschieden und hat einen 5jährigen
Sohn. Russen heiraten im Schnitt 10 Jahre eher als Deutsche, die Scheidungsquote liegt bei
über 50 Prozent. – Es dauert nicht lange, da sind wir im Gespräch beim Thema Ukrainekrise.
Evgenij zeigt mir ein Video von zerfetzten und blutig umherrennenden Zivilisten nach dem
Bombardement von Lugansk durch die ukrainische Armee. Der Konflikt stellt sich aus
russischer Sicht ganz anders dar, als es die westlichen Medien vermitteln. Die Menschen in
der Ostukraine wollen den antirussischen Kurs der unrechtmäßig an die Macht gekommenen
neuen Kiewer Regierung nicht mitmachen und haben sich deshalb abgespalten – und nun
bombardiert die Armee ihre Städte, um die „Terroristen“ zu vernichten. So etwa ist die
Argumentation in Kurzfassung, die sich genauso wie die Gegenseite auf Fakten und
„offensichtliche Tatsachen“ stützt, nur anscheinend auf andere.

23 August

Über Moskau fliege ich zurück nach Berlin. Auf dem Flughafen Sheremetjevo komme ich mit
einem jungen Vietnamesen ins Gespräch, der ein Jahr lang in einer Smolensker Schuhfabrik
gearbeitet hat. „Komische Leute hier“, sagt er, „trinken viel Bier und Wodka, lächeln nicht,
können kaum Englisch“.
Damit geht meine Reise zuende: drei Wochen Natur, Kultur und Begegnung im
spannendsten Land der Erde.
25.08.14

 

Thomas Ranft

 

 

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